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Am Freitag heißt das Programm: Rosshaar auflösen. Es handelt sich um einen sehr alten Bestand und dementsprechend fest sind die Zöpfe gedreht. Wir gehen in den Keller, wo Daniel eine Bohrmaschine so installiert hat, dass man einen Strang einspannen kann. Dann muss man das andere Ende des Zopfes nehmen, die Bohrmaschine wird angestellt und unter Zug wird der Zopf in die Gegenrichtung so gedreht, dass er glatt wird. Das ist wieder eine Arbeit, die Kraft und Geschick erfordert. Die Männer lösen sich gegenseitig ab, es läuft sehr gut. Diese aufgedrehten Zöpfe werden dann durch die Zupfmaschine gejagt. In der Pause werden wir einander vertrauter und sitzen in der Küche am Samowar und bei Hanuta.

Am Samstag wird noch einmal an einem großen Mustertuch, das später nicht verwendet wird, Nähen geübt. Praktischerweise können zwei Männer gleichzeitig nähen, weil Tareq Linkshänder ist und man sich dadurch nicht in die Quere kommt. Es gibt überhaupt keine Verständigungsprobleme, obwohl Tareq und Hossein kaum Deutsch sprechen. Aber es gibt neben dem Deutschen einen ständigen Übersetzungsfluss im Raum, der irgendwie nebenbei funktioniert. Und natürlich helfen Gesten: Wenn man den Unterschied zwischen „spitz“ und „scharf“ klarmachen will, zeigt man, die eine Nadel sticht und eine Schere schneidet. Parallel zum Nähen wird weiter Rosshaar durch die Maschine geschoben und hinten aufgefangen und in Säcke gepackt; das entwickelt sich auch langsam zu einem ganz alltäglichen Vorgang.

In der Mittagspause kocht Daniel ein Schweizer Gericht, das bei Kuhhirten auf hohen Bergen beliebt ist – bestehend aus Nudeln, Kartoffeln, viel Sahne und viel Butter. Es ist definitiv kein orientalisches Gericht, aber alle sagen, es schmeckt sehr gut. Das kann nicht nur höflich gemeint sein, denn zwei große Schüsseln sind leer. Hinterher machen wir die Küche sauber, es wirkt ein bißchen wie in einer Männer-WG.  Dann finden wir Zeit, um mit Mohamad ein Interview zu machen.

 

Mohamad

Mohamad ist 38 und kommt aus Damaskus. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Reinickendorf. Sein Sohn Hamsa ist kleinwüchsig. Er ist sieben, aber seine Arme und Beine sind so groß wie bei einem zweijährigen. Mohamad zeigt mir Fotos, auf denen man sieht, wie klein Hamsa ist. Er geht in die erste Klasse. In Syrien, sagt Mohamad, sei es nicht leicht mit ihm gewesen. Die Kinder auf der Straße hätten ihn ausgelacht. Hier sei es viel besser, hier lächelten die Leute ihn an.

Mohamad ist mit 15 aus der Schule in eine Schneiderwerkstatt gegangen. Es gibt in Syrien keine „Lehre“ im deutschen Sinne, sondern er hat das Handwerk bei der Arbeit gelernt. Er arbeitet seit über 20 Jahren als Schneider. Anfang 2000 ist er nach Jordanien zu einer großen amerikanischen Firma gegangen, zuerst als Schneider. Später wurde er wegen seiner guten Englischkenntnisse Produktionsmanager; die Firma hat Kinderkleidung für Amerika produziert. Dann hatte er einen Laden in der Nähe von Damaskus, der allerdings nur im Sommer geöffnet war, dort hat er Damenbekleidung verkauft. Daneben besaß er eine Näherei mit 7 Angestellten, sie haben als Subunternehmer vorgeschnittene Teile für große französische und italienische Labels zusammengenäht. Mohamad ist ein syrischer Dichter, er hat in Damaskus Lyrikabende gegeben. Seine Gedichte handeln vom Leben und von der Liebe. Dann kam der Krieg nach Damaskus. Mohamad beschreibt, er kam in einem schleichenden Prozess, in dem es sukzessive immer unmöglicher wurde zu arbeiten, in dem man sich dann in der Stadt nicht mehr bewegen konnte, in dem dann Bomben fielen und Freunde auf der Straße starben. Er hat mit seiner Frau zusammen entschieden, wegzugehen – um das Leben der Kinder nicht zu gefährden. Seine Frau ist Kindergärtnerin. Sie haben eingeschätzt, dass es für ihr krankes Kind in anderen arabischen Städten auch nicht gut geworden wäre und sich auf die weite Reise gemacht. Deutschland oder Schweden schienen gute Alternativen, den Ausschlag hat die Willkommenskultur in Deutschland gemacht. „Ich bin hier für meine Kinder“, sagt er. Er vermisst sein Leben als Geschäftsmann in Syrien. Aber er sagt, dass er jetzt in Deutschland eine neue Chance sieht.