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24.02.2017

 Knöpfe, Bilder, Ausblicke: Das letzte Arbeitstreffen.

Geschrieben von Thomas Avenhaus mit Fotos von Kristin Loschert

Der letzte Arbeitstag: Heute werden die Knöpfe genäht. Sie sind symmetrisch über die Matratzen verteilt und geben der Füllung Halt. Mit Stift sind die Punkte auf dem Stoff markiert, wo die Knöpfe sitzen sollen. Die Männer nähen mit einer sehr langen großen Nadel. Dazu müssen sie sich gegenseitig helfen; einer muss die Matratze an der Stelle, wo der Knopf hin soll, zusammenpressen, der andere sticht die Nadel einmal durch die ganze Matratze, zieht den Knopf auf und geht mit der Nadel zurück durch die Matratze. Das ist eine Arbeit, die wie viele der Tätigkeiten volle Konzentration und viel Kraft braucht. Es ist still im Raum, ab und zu klickt Kristins Fotoapparat. In der Pause schimpfen wir alle über den Winter, denn es regnet seit Tagen ununterbrochen. Zakaria sagt, er hätte sich den Winter in Deutschland anders vorgestellt – nicht so warm und so nass. In Syrien seien es minus 17 Grad und es gäbe viel mehr Schnee.

 

Dann nähen die Männer weiter – heute sollen alle Matratzen fertig werden, denn nächste Woche findet das Abschlußfest statt. Zeit für ein Interview mit der Fotografin Kristin.

Kristin hatte mehrere Gründe, beim projekt matrah mitzumachen: aus Freundschaft zu Daniel und Philine, dann, weil sie sich angesichts der Flüchtlingsdebatte hilflos fühlte und nicht zuletzt aus Neugier auf Menschen und andere Kulturen. Das erste Treffen war gleich eine Herausforderung für die Fotografin: Die Frauen aus der Nähgruppe wollten sich nicht fotografieren lassen. Man einigte sich: Kristin durfte sie bei der Näharbeit fotografieren, aber auf keinen Fall ihre Gesichter. Bei den Männern später gab es das Problem nicht. Aber dieses komplexe Verhältnis von dem Wunsch nach persönlichen, direkten Bildern und der Wahrung der persönlichen Sphäre des Fotografierten ist Kristin bewußt. Im Workshop ist die Stimmung zwischen uns allen ziemlich schnell so offen und vertrauensvoll, dass Kristin für ihre Verhältnisse sehr nah und spontan fotografieren kann. Sie sagt, sie empfinde sich hier als Beobachterin, die selten eingreife, sondern Prozesse dokumentiere. Wichtig sei ihr, die Situation zu erfassen, nicht zu werten, die Menschen in keine Klischeebilder zu pressen.

Es ist die Ambivalenz, die sie reizt: Einerseits ist sie als beobachtende Fotografin immer auch etwas außerhalb des Geschehens, andererseits kommt sie gerade über die Kameraarbeit in Kontakt, mischt sich ein und ist dann doch Teil des Ganzen.

 

Die Matratzen müssen, damit die Knöpfe genäht werden können, flach sein, das Rosshaar muss zusammengedrückt werden. Das macht man am besten, in dem man sich mit Wucht auf die Matratze setzt. So gibt es während des Interviews mit Kristin immer wieder komische Momente, wo einer der Männer wie ein Sultan auf einer oder mehreren gestapelten Matratzen sitzt. Es wird viel gelacht. Kristin fotografiert. Philine nimmt ihren Platz ein.

 

Philine ist Bühnenbildnerin und hat das projekt matrah mit Daniel zusammen entwickelt. Sie steht ihm während des gesamten Prozesses beratend zur Seite. Zusammen haben sie den Entwurf entwickelt. An einem bestimmten Moment war klar, dass Stoffe aus dem Orient als Bezüge verwendet werden sollen. Es fand sich ein Weg zu einem Restbestand syrischer Damaststoffe; die einzelnen Ballen zeigten eine extreme Farbigkeit: Gelb, Pink, Blau, Grün. Daniel und Philine entschlossen sich, die Stoffe nicht „pur“ zu verwenden, sondern  sie neu zusammen zu setzen und ihre Richtung zu ändern. Inspiration war ein Foto über Gebetsteppiche, die quer zu einem Raum nach Mekka ausgerichtet waren. Weniger das religiöse Moment, als das „sich quer stellen“ gab den Ausschlag, die Stoffe schräg zur Form der Matratze verlaufen zu lassen.

Das Ergebnis zeigt: Die Matratzen wirken vielfältig, individuell und doch zusammengehörig. Philine fasst ihre Erfahrungen zusammen: Vor Beginn des Projekts hatten beide, Daniel und sie, mehr Schwierigkeiten erwartet; kulturelle Missverständnisse etwa oder eine mögliche Konkurrenz unter den Männern. Nichts ist eingetroffen, im Gegenteil: Philine hat das Gefühl, die Gruppe könnte nach dem Projekt gleich weiterarbeiten. Wenn die deutsche Bürokratie mitspielen würde. Denn so gut das Projekt intern gelaufen ist, so schwierig gestaltet sich die „offizielle“ Seite. Das ist die negative Erfahrung bei diesem Projekt, die Philine sieht: Es gibt von den Behörden pausenlos ein großes NEIN: Keine Möglichkeit für eine gerechte Lohnzahlung, keine Möglichkeit für flexible Strukturen – so wird Engagement ausgebremst. Für Philine – und auch für die ganze Gruppe – bleibt die Frage offen, wie Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden können, wenn denen, die sie integrieren könnten, so viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden.

 

17.02.2017

 Nach der Probe: die Originale. Die nächsten zwei Treffen.

Geschrieben von Thomas Avenhaus mit Fotos von Kristin Loschert

Am Freitag wird es spannend: Wir treten aus der Probephase heraus, jetzt geht es an die Arbeit mit den richtigen Stoffen. Die große Übungsmatratze wird also ein weiteres Mal wieder aufgetrennt, das Haar wird zur Seite gelegt und die vier Männer setzen sich an ihre vier Werkstücke. Für alle ist es am großen Arbeitstisch ein bißchen eng und Daniel überlegt, für den folgenden Tag die Gruppe zu teilen. Aber die Gruppe möchte zusammenbleiben. Das ist gutes Zeichen, vor allem weil Hossein, der kein Arabisch und kein Deutsch spricht, offensichtlich gut integriert ist. Mittlerweile kommt er ohne Nazir, seinen Sohn, der ihm übersetzt hat.

Mittags gibt es Hummus und Mohamad erzählt, dass er zuhause die Älpler Makroni – das schweizer Nudel-Käse-Sahne-Butter-Gericht – nachgekocht habe und seine Frau wissen wollte, was er im projekt matrah eigentlich noch alles lerne.

 

Für eines der nächsten Mittagessen sorgen Zakaria und seine Frau: Es gibt Bulgur mit Rindfleisch und Salat. Essen und Trinken, das merken wir alle, ist ebenso förderlich für den viel beschworenen Kulturaustausch wie das gemeinsame Arbeiten. Der kleine Tisch in der Küche wird der zweite Ort der Gruppe. Die Männer erzählen von der Situation in Syrien. Und auch wenn man nicht alles versteht, weil ihr Deutsch dafür nicht ausreicht: Man bekommt eine Ahnung von Terror und Willkür. Zakaria erzählt, dass er in Aleppo zusammen mit anderen Leuten von seiner Straße dafür gesorgt hat, dass die ärmeren Leute aus der Nachbarschaft an Brot kommen. Denn vor der Bäckerei standen bewaffnete Gruppen und haben den Bäcker gezwungen, das Brot zu völlig überteuerten Preisen zu verkaufen. Zakaria hat es mit mutigen Nachbarn irgendwie geschafft, dass die Bäckerei von Staatsbeamten bewacht wurde und das Brot wieder normal verkauft werden konnte. Er erzählt, dass dieser Kampf – nicht nur um das tägliche Brot, sondern auch um Wasser, Strom, Gas – zermürbend sei.

Aber die Gespräche fließen auch in andere Richtungen, es wird viel gelacht. Tareq zeigt Bilder von seinen vier Kindern und sagt, wenn der Krieg nicht wäre, hätte er schon sieben.

 

In den nächsten Tagen sind alle sehr produktiv und die ersten Matratzen nehmen Form an. Die Stoffe leuchten in dem deutschen Wintergrau. Es wird die Idee geboren, die Knöpfe, die jede Matratze braucht, um ihre Füllung in Form zu halten, mit dem Wort ‚matrah‘ zu gestalten. Denn matrah ist das Schlüsselwort; die Verbindung von Idee und Realisation und die Verbindung von uns allen. Dazu wird das Wort auf Stoff gedruckt und die Knöpfe mit diesem Stoff bezogen. Doch vorerst werden Stich um Stich die Matratzen zusammen genäht. Tareq näht am schnellsten und ruft: „Daniel, super?“ Daniel bremst ihn mit schweizer Nüchternheit: „Super ist anders. Aber gut.“ Alle lachen. Dann ist es wieder still und konzentriert, man hört im wahrsten Sinne des Wortes keine Nadel fallen. In einer Pause sitzen Tareq, Zakaria und ich in der Küche. Ich interviewe Tareq, Zakaria übersetzt.

 

Tareq

Tareq ist dieses Jahr 40 geworden, er kommt aus Damaskus. Er ist gelernter Schneider und war in Syrien mit zwei Geschäften erfolgreicher Unternehmer. Er kann sowohl für Männer als auch für Frauen Maßkleidung anfertigen. In seinen zwei Läden gab es eine große Auswahl an Stoffen. Die Kunden haben entweder eigene Stoffe mitgebracht oder sich Stoffe ausgesucht. Sie haben in Musterbüchern gezeigt, welche Schnitte sie wollten und dann hat Tareq ihnen genäht, was sie wünschten. Ich habe Bilder von muslimischer Geschlechtertrennung im Kopf und will wissen, wie Tareq mit den Frauen umgegangen ist – schließlich ist es nicht einfach, Maß an einem Körper zu nehmen, den man nicht berühren darf. Zakaria demonstriert mit einem Faden an Daniel, wie das geht. Und sowohl er als auch Tareq sagen freundlich, aber doch etwas genervt, dass die Deutschen gern Klischees im Kopf haben, was die Rolle der Frau in Syrien anginge. Es gäbe natürlich Frauen, die lieber zu einer Schneiderin gingen. Es gäbe Frauen, die gingen mit ihren Männern zum Schneider. Es gäbe aber auch genug Frauen, die emanzipiert seien und alleine zu einem männlichen Schneider gingen. Damit haben wir das erste Vorurteil aus dem Weg geräumt, und das zweite folgt gleich: Tareq ist palästinensischer Syrer. Er erzählt, dass er das Nähen in der Firma eines Juden gelernt habe, nachdem er die Schule beendet hatte. Ich merke, wie oft bei mir kleine Alarmglocken läuten, aber auch hier erzählt Tareq selbstverständlich und gelassen.

Seine Eltern haben 1947 Palästina verlassen und sind nach Syrien gezogen. Er ist in Damaskus in einer Gegend aufgewachsen, wo Menschen verschiedener Religionen, Christen, Juden, Moslems, gemeinsam gelebt haben. Er hat viele Jahre in der jüdischen Firma gearbeitet, bevor er sich selbständig gemacht hat. 2015 ist er mit seiner Frau und seinen Kindern, die elf, neun, sieben und drei Jahre alt sind, nach Deutschland gekommen. Das heißt, erst ist er alleine losgegangen. Der Weg war lang und kompliziert und führte über den Sudan und Libyen. Er hat zehn Tage in der Wüste verbracht und ist dann von Libyen nach Italien übers Meer gefahren, erst mit einem sehr unsicheren Boot, dann mit einem besseren. Die Familie konnte später glücklicherweise mit dem Flugzeug kommen. Jetzt leben sie in Friedenau. Tareqs Ziel ist es, eines Tages, wenn er genug Deutsch spricht, in Berlin ein Geschäft zu eröffnen.

 

Zurück zum Projekt:

Die Matratzen sind so weit genäht, dass nur noch die Knöpfe eingearbeitet werden müssen. Am Ende des Tages sitzen wir in der Küche und haben ein kollektives Gefühl von „Erfüllung“, jeder ist stolz auf sein Werkstück.

Am Anfang sind alle nach der Arbeit schnell nachhause gegangen, jetzt lassen wir den Tag zusammen ausklingen – natürlich ohne Feierabendbier, aber mit großen Mengen von Wasser, Tee und Kaffee. Wir beschließen, das Fest für die Präsentation der Matratzen hier im Schöneberger Zimmer zu veranstalten. Die Werkstattwohnung ist jetzt so etwas wie der Heimatort des Projekts geworden. Hier werden die Matratzen gefertigt, hier kommen wir zusammen und hier werden wir den Abschluß feiern – und auch das, was sich aus dem projekt matrah heraus entwickeln mag.

 

10.02.2017

 Alte Zöpfe, neue Arbeit: Das zweite Treffen

Geschrieben von Thomas Avenhaus mit Fotos von Kristin Loschert

Am Freitag heißt das Programm: Rosshaar auflösen. Es handelt sich um einen sehr alten Bestand und dementsprechend fest sind die Zöpfe gedreht. Wir gehen in den Keller, wo Daniel eine Bohrmaschine so installiert hat, dass man einen Strang einspannen kann. Dann muss man das andere Ende des Zopfes nehmen, die Bohrmaschine wird angestellt und unter Zug wird der Zopf in die Gegenrichtung so gedreht, dass er glatt wird. Das ist wieder eine Arbeit, die Kraft und Geschick erfordert. Die Männer lösen sich gegenseitig ab, es läuft sehr gut. Diese aufgedrehten Zöpfe werden dann durch die Zupfmaschine gejagt. In der Pause werden wir einander vertrauter und sitzen in der Küche am Samowar und bei Hanuta.

Am Samstag wird noch einmal an einem großen Mustertuch, das später nicht verwendet wird, Nähen geübt. Praktischerweise können zwei Männer gleichzeitig nähen, weil Tareq Linkshänder ist und man sich dadurch nicht in die Quere kommt. Es gibt überhaupt keine Verständigungsprobleme, obwohl Tareq und Hossein kaum Deutsch sprechen. Aber es gibt neben dem Deutschen einen ständigen Übersetzungsfluss im Raum, der irgendwie nebenbei funktioniert. Und natürlich helfen Gesten: Wenn man den Unterschied zwischen „spitz“ und „scharf“ klarmachen will, zeigt man, die eine Nadel sticht und eine Schere schneidet. Parallel zum Nähen wird weiter Rosshaar durch die Maschine geschoben und hinten aufgefangen und in Säcke gepackt; das entwickelt sich auch langsam zu einem ganz alltäglichen Vorgang.

In der Mittagspause kocht Daniel ein Schweizer Gericht, das bei Kuhhirten auf hohen Bergen beliebt ist – bestehend aus Nudeln, Kartoffeln, viel Sahne und viel Butter. Es ist definitiv kein orientalisches Gericht, aber alle sagen, es schmeckt sehr gut. Das kann nicht nur höflich gemeint sein, denn zwei große Schüsseln sind leer. Hinterher machen wir die Küche sauber, es wirkt ein bißchen wie in einer Männer-WG.  Dann finden wir Zeit, um mit Mohamad ein Interview zu machen.

 

Mohamad

Mohamad ist 38 und kommt aus Damaskus. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Reinickendorf. Sein Sohn Hamsa ist kleinwüchsig. Er ist sieben, aber seine Arme und Beine sind so groß wie bei einem zweijährigen. Mohamad zeigt mir Fotos, auf denen man sieht, wie klein Hamsa ist. Er geht in die erste Klasse. In Syrien, sagt Mohamad, sei es nicht leicht mit ihm gewesen. Die Kinder auf der Straße hätten ihn ausgelacht. Hier sei es viel besser, hier lächelten die Leute ihn an.

Mohamad ist mit 15 aus der Schule in eine Schneiderwerkstatt gegangen. Es gibt in Syrien keine „Lehre“ im deutschen Sinne, sondern er hat das Handwerk bei der Arbeit gelernt. Er arbeitet seit über 20 Jahren als Schneider. Anfang 2000 ist er nach Jordanien zu einer großen amerikanischen Firma gegangen, zuerst als Schneider. Später wurde er wegen seiner guten Englischkenntnisse Produktionsmanager; die Firma hat Kinderkleidung für Amerika produziert. Dann hatte er einen Laden in der Nähe von Damaskus, der allerdings nur im Sommer geöffnet war, dort hat er Damenbekleidung verkauft. Daneben besaß er eine Näherei mit 7 Angestellten, sie haben als Subunternehmer vorgeschnittene Teile für große französische und italienische Labels zusammengenäht. Mohamad ist ein syrischer Dichter, er hat in Damaskus Lyrikabende gegeben. Seine Gedichte handeln vom Leben und von der Liebe. Dann kam der Krieg nach Damaskus. Mohamad beschreibt, er kam in einem schleichenden Prozess, in dem es sukzessive immer unmöglicher wurde zu arbeiten, in dem man sich dann in der Stadt nicht mehr bewegen konnte, in dem dann Bomben fielen und Freunde auf der Straße starben. Er hat mit seiner Frau zusammen entschieden, wegzugehen – um das Leben der Kinder nicht zu gefährden. Seine Frau ist Kindergärtnerin. Sie haben eingeschätzt, dass es für ihr krankes Kind in anderen arabischen Städten auch nicht gut geworden wäre und sich auf die weite Reise gemacht. Deutschland oder Schweden schienen gute Alternativen, den Ausschlag hat die Willkommenskultur in Deutschland gemacht. „Ich bin hier für meine Kinder“, sagt er. Er vermisst sein Leben als Geschäftsmann in Syrien. Aber er sagt, dass er jetzt in Deutschland eine neue Chance sieht.

 

02.02.2017

 Viel Stoff: Das erste Treffen.

Geschrieben von Thomas Avenhaus mit Fotos von Kristin Loschert

Die Bezugsstoffe für die Matratzen sollten aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge kommen. Über einen Handelsmann in Beirut kauften wir einen Bestand von Stoffen, die aus einer Weberei in Aleppo stammen. Es war schwierig, an sie heran zu kommen und es gab keine exakte Auskunft, wie die Stoffe wirklich aussehen, welche Farben, welche Muster, welche Qualität geliefert wird.

Nach Wochen treffen die Stoffe in Schöneberg ein. Sie wirken fröhlich orientalisch, sind in ihrer Webart nicht perfekt, aber strahlen eine sympathische beinah vorindustrielle Handwerklichkeit aus. Sie erzählen nichts vom Krieg, sie wirken wie aus der Zeit gefallen.

Später, beim Workshop sagen die Frauen und Männer, dass diese Stoffe für sie zum Alltag gehört haben. Einige von ihnen hatten eine Matratze mit diesem Stoff, andere hatten bei Verwandten schon auf solchen Matratzen geschlafen.

Die Teilnehmer

Aus einer größeren Gruppe von Bewerbern wurden vier Männer ausgewählt. Wichtig war, dass die Bewerber mit Nadel und Faden umgehen können. Nur eine Frau hatte sich beworben. Weil wir aber auch Frauen an dem Projekt beteiligen wollen, entstand die Idee, mit einer Gruppe Frauen aus der Notunterkunft im ICC die Stoffe zu konfektionieren, die dann von den Männern als Bezugsstoffe für die Matratzen verarbeitet werden. Bei jedem einzelnen Bewerber haben wir das große Bedürfnis gespürt zu arbeiten, etwas zu tun zu haben. Alle stellten sich als Schneider oder Schuster vor. Auf die Frage hin, ob sie denn schon Matratzen gebaut hätten, antworteten sie alle dasselbe: Nein, aber das könnten sie schnell lernen.

Die Frauen

Wir haben die Frauen im ICC kennengelernt; sie leben dort mit ihren Familien und gehen in eine Nähgruppe, die von der Iranerin Nahid geleitet wird. Die Frauen kommen alle aus Afghanistan und sprechen kaum Deutsch.

Als wir sie im ICC in der fensterlosen Nähstube besuchen, ist die Stimmung anfangs etwas beklommen, wir kommen uns wie neugierige Touristen vor. Nahid stellt Daniel vor. Er kann etwas Farsi sprechen und das bringt ein Lächeln auf einige Gesichter. Wir wissen nichts von den Frauen, haben aber bei unserem Besuch den Eindruck, als verließen sie das ICC kaum. Die Nähstube wirkt wie ein Ort in einem Dorf, an dem sich die Frauen treffen, um ihre „weiblichen“ Tätigkeiten gemeinsam auszuführen. Wir entscheiden uns die Frauen zum Kennenlernen ins Schöneberger Zimmer einzuladen.

Am Donnerstag kommen fünf Frauen: Fatema, Arefe, Nadine, Fahime und Manure. Nahid und zwei Ehemänner sind auch dabei – obwohl es eigentlich ein Frauentag ist. Zuerst ziehen die Frauen ihre Mäntel nicht aus und machen klar, dass sie nur kurz vorbei schauen wollen. Dann werden Tee und Datteln angeboten und die Stimmung löst sich.

Die erste Frau setzt sich kurzerhand an die Nähmaschine und näht  drauf los. Alle anderen schauen ihr auf die Finger und plaudern. Die Ehemänner sitzen Anfangs am Ende des Tisches und beobachten die Szene. Dann fangen auch die anderen Frauen an zu arbeiten. Unter Philines Anleitung werden die Stoffe geheftet, die Nähte gebügelt, ein Stück ans andere genäht, bis ein ganzes Mustertuch fertig ist. Es setzt sich nun aus Teilen der unterschiedlich farbigen und gemusterten Tücher zusammen und wirkt wie ein Mosaik. Es wird in fünf Teile geschnitten: Jedes Teil ergibt eine Matratze; ein Werkstück für jeden Flüchtling und eine gemeinsame grosse Matratze. Während die Frauen arbeiten, sitzen die Männer mit Daniel in der Küche und trinken Tee – es fühlt sich nach klassischer Rollenverteilung an.

Am Samstag morgen kommen die Frauen wieder ins Schöneberger Zimmer, überraschender Weise eine halbe Stunde zu früh. Die Leiterin Nahid ist diesmal nicht dabei, aber wieder die Ehemänner. Aber sie sitzen nicht mehr wie Zuschauer dabei, sondern helfen ihren Frauen, halten die Stoffe, die die Frauen bügeln, machen in der Küche den Abwasch und wirken jetzt doch nicht so, wie man sich vielleicht muslimische patriarchale  Ehemänner vorstellt.

Dann ist alles fertig genäht und alle sind traurig, dass der kurze Arbeitsausflug schon zuende ist. Wir merken: Es war absolut richtig, die Frauen mal aus dem ICC rauszuholen. Sie erzählen, der einzige Kontakt zu Deutschen sei der Kontakt zu ihrer Deutschlehrerin, aber auch der finde im ICC statt. Wir wollen sie wiedersehen.

 

Die Männer

Eine Stunde nachdem die Frauen gegangen sind, kommen die vier Männer, die Daniel für das projekt matrah ausgewählt hat. Alle setzen sich an den großen Werktisch. Wir machen eine Vorstellungsrunde: Es sind Zakaria, Mohamad und der Palästinenser Tareq, sie kommen alle aus Syrien. Hossein kommt aus Afghanistan. Hossein spricht kaum Deutsch, deswegen ist Nazir dabei, sein 16jähriger Sohn, der in Berlin aufs Gymnasium geht.

Das Zimmer ist voll und man grinst sich etwas schüchtern an. Mohamad trägt ein TShirt, auf dem „Hungry german youth“ steht. Wir klären ein paar organisatorische Fragen und räumen dann den Tisch frei. Daniel fängt an, die Vorbereitungen für den Bau einer Matratze zu erklären.

Die Männer lernen, das zu spiralförmigen Zöpfen gedrehte Rosshaar mittels der „Universalzupfmaschine El-Ba Standart“ aufzulösen. Sie arbeiten vorsichtig und gleichzeitig zügig. Jeder setzt sich vor die Maschine und probiert es aus: Man schiebt einen Zopf in die Maschine, hinten kommt die aufgelöste Haarwolle heraus.
Dann kommen alle zum großen Tisch zurück, denn Daniel legt ein großes Stück Stoff aus. Eine Art Wollflies wird daraufgelegt, dann wird das aufgelöste Pferdehaar darauf gepackt. Wichtig ist jetzt, dass das Haar gleichmäßig verteilt wird. Für die Nicht-Handwerker ist es spannend zu sehen, dass vieles sich über wortlose Kommunikation erklärt: zuschauen, nachmachen, mit den Händen korrigiert werden, noch einmal zusehen und noch einmal nachmachen. Dazu braucht man wenig Worte. Die Stimmung ist jetzt eine völlig andere als am Anfang: Der Raum bebt schier vor Energie. Das Ausbreiten des schwarzen Haares, das Zupfen und Zurechtstopfen ist ein Massenereignis, alle greifen zu, alle sind konzentriert, alle wollen es so gut wie möglich schaffen. Man hört nur das Klicken des Fotoapparates, denn in der Tat ist das ein wirksames Fotomotiv: der Tisch voller Haare und die Hände, die darin herumwühlen.

Dann ist auch dieser Abschnitt in der Geschichte der Matratzenherstellung geschafft und es geht ans Zusammennähen. Hier wird mit einem Hilfskonstrukt aus Strippen und Schraubzwingen gearbeitet und Daniel erklärt den Sattlerstich, mit dem genäht wird. Das muss er jedem einzeln erklären und deswegen gibt es eine kurze Zeit des Nichtstuns für die anderen, in der ich mit Zakaria ins Gespräch komme.

 

Zakaria

Zakaria ist 42, aus Aleppo und hatte dort mehrere Berufe. Er ist ab dem 10. Lebensjahr nachmittags nach der Schule in eine Fabrik zum Nähen gegangen. Seine Mutter hat 21 Kinder, der Vater ist früh gestorben und so mußten die Kinder früh helfen, Geld zu verdienen. Er hat Unterwäsche genäht, auch für Deutschland, für C&A.

Er war schon früh ein talentierter Schneider: Er erzählt, dass er als Kind nur einen Pullover hatte. Eines Nachts, als der Pullover in der Wäsche war, hat er sich einen zweiten Pullover genäht. Seine Mutter hat am nächsten Morgen nicht schlecht gestaunt.
Später hat er sich mit zwei Brüdern selbständig gemacht – auch mit einer Textilfirma für Unterwäsche für Männer, Frauen und Kinder. Weil bei drei Bossen mindestens einer zuviel ist, hat er angefangen, in einer Privatschule als Lehrer für Arabisch und Mathematik zu arbeiten, später auch noch als Redakteur einer Zeitung.
Er ist letztes Jahr nach Deutschland gekommen, hat im Deutschkurs schnell das B1 Level geschafft und mit seiner Frau und seinen 3 Kindern eine Wohnung in Spandau gefunden. Auf die Anmerkung, dass das ja ziemlich weit draußen sei, lacht er und sagt, er müsse bloß aus der Tür gehen und nach 100 Metern sei er in Brandenburg.

Kürzlich hat er über den Verein Flüchtlingspaten Syrien e.V. seine Stieftochter aus Aleppo nach Berlin holen können.
Was hofft er für die Zukunft? Er macht keine großen Pläne: Er weiß, dass er als Schneider in Deutschland kaum Arbeit finden wird, er macht jetzt das projekt matrah mit, weil er immer neugierig ist, etwas zu lernen, er will sein Deutsch verbessern und die Deutschen kennenlernen.

Wann und wie er aus Aleppo geflohen ist, frage ich ihn jetzt nicht, denn dafür bräuchte man mehr Ruhe. Zakaria ist jetzt mit Nähen dran und Hossain ist schon fertig, deswegen kann ich jetzt mit ihm sprechen.

 

Hossain

Wir kennen uns schon; wir haben zusammen zwei Wochen einen Deutschkurs gemacht, ich als lernender Trainer, er als lernender Flüchtling. Der Kurs, ein Projekt der Liechtenstein Languages wurde in Berlin vom Malteser Hilfsdienst und der Liechtensteiner Botschaft durchgeführt; es ist eine innovative Lernmethode jenseits von Klassenzimmer, Alphabet und deutschem Ernst. Es wird mit vielen Bildern, Spielen und Musik auf sehr fröhliche und effektive Weise ein Grundwortschatz beigebracht.
Hossein war mit seinem Sohn Nazir dort, der aber sowieso sehr sprachbegabt ist. Die Familie – es gibt neben der Mutter noch den sechsjährigen Mahdi – ist über den Iran nach Schweden gekommen, wo sie ein halbes Jahr gelebt hat. Nazir spricht neben Farsi, Englisch und Schwedisch jetzt nach 7 Monaten in Deutschland schon flüssig deutsch.

Anders der Vater – ihm fällt es sichtlich schwerer. Ich denke, es ist oft der Job der Kinder, ihren Eltern zu dolmetschen, was bestimmt nicht immer leicht ist, vor allem wenn es um Themen geht, die nichts für Kinder sind. Aber Hossein und Nazir wirken wie ein gut eingespieltes Team, sie behandeln sich gegenseitig sehr respektvoll. Hossein ist 44 und hat als Schuhmacher in einer Schuhfabrik gearbeitet, sowohl als junger Mann im Iran, dann aber auch in seiner Heimat in Afghanistan.

Die Familie hat in Ghazni gelebt, sie sind Hazara und wurden als solche drangsaliert und verfolgt. Weil das Leben für sie in Afghanistan zu unsicher wurde, haben sie sich auf die Flucht begeben und leben jetzt seit Monaten in einem kleinen Zimmer im ICC. Hossein möchte gern mit seinen Händen arbeiten – am liebsten als Industriearbeiter bei einer großen deutschen Firma. Nazir besucht noch für eine kurze Zeit die Integrationsklasse des Friedrich Ebert Gymnasiums, bald wird er in eine normale Klasse wechseln.