matrah مطرح

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Es ist viel Zeit vergangen seit  März. Ein Sommer und eine Bundestagswahl liegen hinter uns. Eine rassistische Partei wird in den Bundestag einziehen. In Sachsen ist sie schon stärkste Macht. Ihr Kernthema: die Flüchtlinge. Ihr Programm: Deutschland den Deutschen. Die Statements werden immer rabiater.

Im Schöneberger Zimmer arbeiten Daniel und Mohamad seit Anfang September zusammen und haben gemeinsam eine ganze Menge Matratzen gefertigt. Eine von ihnen, ein exklusives mit Hirschleder bezogenes Modell, ist nach New York verkauft worden. Die Käuferin hat geschrieben, sie freue sich, Teil des Projekt Matrah zu sein. Daniel findet es gut, dass das Projekt solche Signale in die Welt sendet und empfängt – im Luxussegment, jenseits von Meinungsmache.

Nach dem Workshopf hat Daniel sich der Initiative der deutschen Wirtschaft „Wir zusammen“ angeschlossen und ein Patenschaftsverspechen abgegeben. Damit ist er einem Netzwerk beigetreten, das das Engagement von Unternehmen für Flüchtlinge bündelt und auf einer gemeinsamen Plattform darstellt: wir-zusammen.de

Mohamad ist jetzt bei Daniel fest angestellt.

Unterstützt wird Daniel mit einem Eingliederungszuschuss von der Bundesagentur für Arbeit. Die Verpflichtung heißt für ihn, dass er Mohamad anschließend ein weiteres Jahr beschäftigt. Das ist eigentlich eine Integrationsmaßnahme für Langzeitarbeitslose, aber guter Wille auf allen Seiten hat daraus eine Integrationsmaßnahme eines Migranten in den deutschen Arbeitsmarkt gemacht. Und es ist gleichzeitig Nachwuchs- und Nachhaltigkeitsförderung: Damit das seltene und alte Handwerk der Matratzenherstellung per Hand nicht ausstirbt, gibt Daniel sein Wissen an einen jüngeren Handwerker weiter. Und tatsächlich: Mohamad ist ein Jahr jünger als Daniel.

Mohamad arbeitet nicht Vollzeit; er braucht Abende für seinen Deutschkurs, er will das B2-Level erreichen. Er hat in den letzten Monaten schon eine Führerscheinprüfung hinter sich gebracht; obwohl er seit zwanzig Jahren einen syrischen Führerschein hat, musste er, wie er sagt, ungefähr tausend Fragen beantworten. Jetzt fährt er einen gebrauchten Passat und ist der Chauffeur der Familie: kreuz und quer durch Reinickendorf bringt er die Kinder zur Schule und zur Kita und seine Frau zum Deutschkurs. Sie sprechen öfter deutsch zuhause, den Kindern fällt es leichter. Weil der Sommer so schlecht war, sind sie nicht viel aus Berlin herausgekommen, aber sie haben sich Potsdam und Rathenow angeschaut, weil dort Freunde leben. Man merkt: Hier integriert sich eine Familie Schritt für Schritt. Mohamad sagt, die letzten zwei Jahre waren hart und anstrengend . Er schätzt, dass es nicht viel leichter wird, aber jetzt gibt es mit dem festen Job zum ersten Mal eine Sicherheit. Und eine Arbeit, die er sehr gern mag. Ich frage ihn, wie er das alles geschafft hat: vom ersten Jahr allein im Flüchtlingsheim bis jetzt. Er sagt, er hatte immer das Ziel vor Augen, seinen Kindern hier eine Zukunft zu schaffen. Und er sagt, er sei mit Körper und Kopf in Deutschland. Ich frage ihn, wie er das meint. Er sagt, obwohl er oft daran denken müsse, was er in Syrien als Geschäftsmann verloren hat, obwohl Teile seiner Familie weit weg sind und er seine Mutter seit sechs Jahren nicht gesehen hat: Er hat sich ganz auf das Leben hier und jetzt in Berlin eingelassen, mit Körper und Kopf. Und das versucht er auch seiner Frau und seinen Kindern zu vermitteln.

Nach der Aktion im März war es eine Weile still um das Projekt. Aber dann, vor und während der Bundestagswahl, kam das Thema Migranten und Integration wieder auf dem Tisch. Daniel und Mohamad sind mehrfach interviewt worden. Mohamad, der gerne Scherze macht, sieht sich schon als Medienstar. Doch nicht alle Interviews liefen gut; ein sehr investigativer Journalist ist mit Fragen an Mohamad immer indiskreter geworden bis Daniel, der sich zurückhalten wollte, eingreifen musste. Für Daniel ist das auch eine neue Herausforderung: Er ist jetzt Chef und spürt die Verantwortung. Aber auch für ihn ist die Festanstellung ein großer Gewinn. Er hat einen Arbeitspartner an seiner Seite, er kann Ideen besprechen und gemeinsam umsetzen, er profitiert von Mohamads Erfahrung als Schneider und von seinem kulturellen Hintergrund. Daniel lernt Arabisch. Er hat Unterrricht, aber allein schon dadurch, dass er oft am Telefon hört, wie die Kinder ihren Vater anrufen, lernt er eine Menge. Er findet es gut, dass Mohamad bei aller Intergration auch seine Kultur und Religion lebt; jeden Freitag gibt es das syrischen Bohnengericht Foul und Mohamad geht in die türkische Moschee in der Kurfürstenstraße. Auf die Frage, was er von dem Wahlergebnis halte, sagt Mohamad, dass das ein Problem für Deutschland sei, und es ihm leid täte. Deutschland habe ihm ein Jahr geschenkt, um die Sprache zu lernen, jetzt lebe er hier und sein Ziel sei es, „richtig“ zu arbeiten – ohne die Unterstützung des Staates. Ich erinnere mich: Er kam zum ersten Treffen mit einem T-Shirt, auf dem „Hungry German Youth“ stand. Er ist auf dem Weg, dazu zu gehören.