matrah مطرح

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Der letzte Arbeitstag: Heute werden die Knöpfe genäht. Sie sind symmetrisch über die Matratzen verteilt und geben der Füllung Halt. Mit Stift sind die Punkte auf dem Stoff markiert, wo die Knöpfe sitzen sollen. Die Männer nähen mit einer sehr langen großen Nadel. Dazu müssen sie sich gegenseitig helfen; einer muss die Matratze an der Stelle, wo der Knopf hin soll, zusammenpressen, der andere sticht die Nadel einmal durch die ganze Matratze, zieht den Knopf auf und geht mit der Nadel zurück durch die Matratze. Das ist eine Arbeit, die wie viele der Tätigkeiten volle Konzentration und viel Kraft braucht. Es ist still im Raum, ab und zu klickt Kristins Fotoapparat. In der Pause schimpfen wir alle über den Winter, denn es regnet seit Tagen ununterbrochen. Zakaria sagt, er hätte sich den Winter in Deutschland anders vorgestellt – nicht so warm und so nass. In Syrien seien es minus 17 Grad und es gäbe viel mehr Schnee.

 

Dann nähen die Männer weiter – heute sollen alle Matratzen fertig werden, denn nächste Woche findet das Abschlußfest statt. Zeit für ein Interview mit der Fotografin Kristin.

Kristin hatte mehrere Gründe, beim projekt matrah mitzumachen: aus Freundschaft zu Daniel und Philine, dann, weil sie sich angesichts der Flüchtlingsdebatte hilflos fühlte und nicht zuletzt aus Neugier auf Menschen und andere Kulturen. Das erste Treffen war gleich eine Herausforderung für die Fotografin: Die Frauen aus der Nähgruppe wollten sich nicht fotografieren lassen. Man einigte sich: Kristin durfte sie bei der Näharbeit fotografieren, aber auf keinen Fall ihre Gesichter. Bei den Männern später gab es das Problem nicht. Aber dieses komplexe Verhältnis von dem Wunsch nach persönlichen, direkten Bildern und der Wahrung der persönlichen Sphäre des Fotografierten ist Kristin bewußt. Im Workshop ist die Stimmung zwischen uns allen ziemlich schnell so offen und vertrauensvoll, dass Kristin für ihre Verhältnisse sehr nah und spontan fotografieren kann. Sie sagt, sie empfinde sich hier als Beobachterin, die selten eingreife, sondern Prozesse dokumentiere. Wichtig sei ihr, die Situation zu erfassen, nicht zu werten, die Menschen in keine Klischeebilder zu pressen.

Es ist die Ambivalenz, die sie reizt: Einerseits ist sie als beobachtende Fotografin immer auch etwas außerhalb des Geschehens, andererseits kommt sie gerade über die Kameraarbeit in Kontakt, mischt sich ein und ist dann doch Teil des Ganzen.

 

Die Matratzen müssen, damit die Knöpfe genäht werden können, flach sein, das Rosshaar muss zusammengedrückt werden. Das macht man am besten, in dem man sich mit Wucht auf die Matratze setzt. So gibt es während des Interviews mit Kristin immer wieder komische Momente, wo einer der Männer wie ein Sultan auf einer oder mehreren gestapelten Matratzen sitzt. Es wird viel gelacht. Kristin fotografiert. Philine nimmt ihren Platz ein.

 

Philine ist Bühnenbildnerin und hat das projekt matrah mit Daniel zusammen entwickelt. Sie steht ihm während des gesamten Prozesses beratend zur Seite. Zusammen haben sie den Entwurf entwickelt. An einem bestimmten Moment war klar, dass Stoffe aus dem Orient als Bezüge verwendet werden sollen. Es fand sich ein Weg zu einem Restbestand syrischer Damaststoffe; die einzelnen Ballen zeigten eine extreme Farbigkeit: Gelb, Pink, Blau, Grün. Daniel und Philine entschlossen sich, die Stoffe nicht „pur“ zu verwenden, sondern  sie neu zusammen zu setzen und ihre Richtung zu ändern. Inspiration war ein Foto über Gebetsteppiche, die quer zu einem Raum nach Mekka ausgerichtet waren. Weniger das religiöse Moment, als das „sich quer stellen“ gab den Ausschlag, die Stoffe schräg zur Form der Matratze verlaufen zu lassen.

Das Ergebnis zeigt: Die Matratzen wirken vielfältig, individuell und doch zusammengehörig. Philine fasst ihre Erfahrungen zusammen: Vor Beginn des Projekts hatten beide, Daniel und sie, mehr Schwierigkeiten erwartet; kulturelle Missverständnisse etwa oder eine mögliche Konkurrenz unter den Männern. Nichts ist eingetroffen, im Gegenteil: Philine hat das Gefühl, die Gruppe könnte nach dem Projekt gleich weiterarbeiten. Wenn die deutsche Bürokratie mitspielen würde. Denn so gut das Projekt intern gelaufen ist, so schwierig gestaltet sich die „offizielle“ Seite. Das ist die negative Erfahrung bei diesem Projekt, die Philine sieht: Es gibt von den Behörden pausenlos ein großes NEIN: Keine Möglichkeit für eine gerechte Lohnzahlung, keine Möglichkeit für flexible Strukturen – so wird Engagement ausgebremst. Für Philine – und auch für die ganze Gruppe – bleibt die Frage offen, wie Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden können, wenn denen, die sie integrieren könnten, so viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden.