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Flüchtlinge machen Rosshaarmatratzen

Daniel Heer, Rosshaarmatratzenhersteller in Berlin, ruft ein Charityprojekt ins Leben: Er wird 4 Flüchtlingen sein traditionelles Handwerk beibringen. Sie lernen unter seiner Anleitung Matratzen zu fertigen, aus dem Workshop soll sich eine langfristige Zusammenarbeit entwickeln. Ziel ist es, dass Flüchtlinge mit dem erlernten Handwerk Geld verdienen können.

Daniel Heer, Sattler in vierter Generation, hat Schweizer Wurzeln. Schon sein Urgroßvater stellte in Luzern Rosshaarmatratzen in Handarbeit her. Die Matratze jedoch ist keine Schweizer oder europäische Erfindung: Das Wort Matratze  leitet sich vom arabischen matrah ab. Es bezeichnet die Stelle, wo etwas hingeworfen wird, ein Bodenkissen, auf das man sich legen kann, die Basis. Das projekt matrah will Brücken bauen. Es verbindet Handwerkstraditionen des Okzidents mit denen des Orients. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen stellen gemeinsam ein Produkt her, das so nah an jedem Menschen ist wie wenig andere Dinge.

 

Warum das projekt matrah und was ist das Ziel?

Daniel Heer: Ich habe hier in der Nachbarschaft meiner Werkstatt Flüchtlinge kennen gelernt. Und ich sehe, wie sie zur Untätigkeit verurteilt sind: fehlende Perspektiven, wenig Beratung, keine Klarheit in ihrem Aufenthaltsstatus. Gleichzeitig komme ich mit meinen Kapazitäten an meine Grenzen. Da lag es für mich nahe, das Gute mit dem Nützlichen zu verbinden. Idealerweise ist das projekt matrah für beide Seiten gut: Ich gebe einigen Flüchtlingen mein Wissen und Können weiter, für die Zukunft gewinne ich einen oder zwei Mitarbeiter.

Luxusmatratzen und Flüchtlinge – geht das zusammen?

Daniel Heer: Die Flüchtlinge lernen bei mir die „hohe Kunst“ des Matratzenbauens, ein Handwerk, das in Europa nur noch selten ausgeübt und in Deutschland nicht mehr gelehrt wird. Was einst alltäglich war, wird heute zum Luxus. Meine Matratzen sind mit Rosshaar gefüllt und mit edlen Stoffen bezogen. Sie sind handwerklich so perfekt wie ein handwerkliches Objekt perfekt sein kann. Man kann schnell denken: „Die Flüchtlinge haben noch nicht einmal ein eigenes Zimmer und ihre Schlafunterlage ist ihnen vermutlich nicht wichtig, Hauptsache, es gibt eine. Und dann sollen sie jetzt ein Handwerk im Luxussegment lernen? Wie zynisch“. Ich sehe das nicht so: Mit dem Öffnen meiner Werkstatt möchte ich aktiv werden und mich der Herausforderung der aktuellen Flüchtlingssituation stellen Viele meiner Kunden unterstützen nachhaltige Produktion und soziales Engagement. Sie suchen einen persönlichen Bezug zu den Produkten, die sie kaufen. Warum nicht diese beiden Welten zusammenbringen? Integration funktioniert auch über gemeinsames Arbeiten.

Was heißt „Brücken bauen“?

Daniel Heer: Die Matratze kommt aus dem Orient. Und ich denke, aus dem Orient kommen auch sehr viele gute Handwerker, von denen wir lernen können. Ich finde es wichtig, den Flüchtlingen zu vermitteln, welches Potential ihre eigene lebendige und facettenreiche Handwerkskunst hat, und welche Chancen sie damit auf unserem Arbeitsmarkt haben können.
Ich denke und wünsche mir, dass sich unsere Traditionen mischen, dass ich von den Flüchtlingen lerne und sie von mir. Ausserdem glaube ich, ist es gut für einen Menschen, der vor Krieg und Verfolgung fliehen musste, in Ruhe und Konzentration etwas zu schaffen, das als Produkt selbst Ruhe und Geborgenheit vermittelt – und nichts tut das so sehr wie eine Matratze.

 

Am projekt matrah sind beteiligt: Daniel Heer, Philine Rinnert, Thomas Avenhaus, Kristin Loschert, Bram Loss