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Die Bezugsstoffe für die Matratzen sollten aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge kommen. Über einen Handelsmann in Beirut kauften wir einen Bestand von Stoffen, die aus einer Weberei in Aleppo stammen. Es war schwierig, an sie heran zu kommen und es gab keine exakte Auskunft, wie die Stoffe wirklich aussehen, welche Farben, welche Muster, welche Qualität geliefert wird.

Nach Wochen treffen die Stoffe in Schöneberg ein. Sie wirken fröhlich orientalisch, sind in ihrer Webart nicht perfekt, aber strahlen eine sympathische beinah vorindustrielle Handwerklichkeit aus. Sie erzählen nichts vom Krieg, sie wirken wie aus der Zeit gefallen.

Später, beim Workshop sagen die Frauen und Männer, dass diese Stoffe für sie zum Alltag gehört haben. Einige von ihnen hatten eine Matratze mit diesem Stoff, andere hatten bei Verwandten schon auf solchen Matratzen geschlafen.

Die Teilnehmer

Aus einer größeren Gruppe von Bewerbern wurden vier Männer ausgewählt. Wichtig war, dass die Bewerber mit Nadel und Faden umgehen können. Nur eine Frau hatte sich beworben. Weil wir aber auch Frauen an dem Projekt beteiligen wollen, entstand die Idee, mit einer Gruppe Frauen aus der Notunterkunft im ICC die Stoffe zu konfektionieren, die dann von den Männern als Bezugsstoffe für die Matratzen verarbeitet werden. Bei jedem einzelnen Bewerber haben wir das große Bedürfnis gespürt zu arbeiten, etwas zu tun zu haben. Alle stellten sich als Schneider oder Schuster vor. Auf die Frage hin, ob sie denn schon Matratzen gebaut hätten, antworteten sie alle dasselbe: Nein, aber das könnten sie schnell lernen.

Die Frauen

Wir haben die Frauen im ICC kennengelernt; sie leben dort mit ihren Familien und gehen in eine Nähgruppe, die von der Iranerin Nahid geleitet wird. Die Frauen kommen alle aus Afghanistan und sprechen kaum Deutsch.

Als wir sie im ICC in der fensterlosen Nähstube besuchen, ist die Stimmung anfangs etwas beklommen, wir kommen uns wie neugierige Touristen vor. Nahid stellt Daniel vor. Er kann etwas Farsi sprechen und das bringt ein Lächeln auf einige Gesichter. Wir wissen nichts von den Frauen, haben aber bei unserem Besuch den Eindruck, als verließen sie das ICC kaum. Die Nähstube wirkt wie ein Ort in einem Dorf, an dem sich die Frauen treffen, um ihre „weiblichen“ Tätigkeiten gemeinsam auszuführen. Wir entscheiden uns die Frauen zum Kennenlernen ins Schöneberger Zimmer einzuladen.

Am Donnerstag kommen fünf Frauen: Fatema, Arefe, Nadine, Fahime und Manure. Nahid und zwei Ehemänner sind auch dabei – obwohl es eigentlich ein Frauentag ist. Zuerst ziehen die Frauen ihre Mäntel nicht aus und machen klar, dass sie nur kurz vorbei schauen wollen. Dann werden Tee und Datteln angeboten und die Stimmung löst sich.

Die erste Frau setzt sich kurzerhand an die Nähmaschine und näht  drauf los. Alle anderen schauen ihr auf die Finger und plaudern. Die Ehemänner sitzen Anfangs am Ende des Tisches und beobachten die Szene. Dann fangen auch die anderen Frauen an zu arbeiten. Unter Philines Anleitung werden die Stoffe geheftet, die Nähte gebügelt, ein Stück ans andere genäht, bis ein ganzes Mustertuch fertig ist. Es setzt sich nun aus Teilen der unterschiedlich farbigen und gemusterten Tücher zusammen und wirkt wie ein Mosaik. Es wird in fünf Teile geschnitten: Jedes Teil ergibt eine Matratze; ein Werkstück für jeden Flüchtling und eine gemeinsame grosse Matratze. Während die Frauen arbeiten, sitzen die Männer mit Daniel in der Küche und trinken Tee – es fühlt sich nach klassischer Rollenverteilung an.

Am Samstag morgen kommen die Frauen wieder ins Schöneberger Zimmer, überraschender Weise eine halbe Stunde zu früh. Die Leiterin Nahid ist diesmal nicht dabei, aber wieder die Ehemänner. Aber sie sitzen nicht mehr wie Zuschauer dabei, sondern helfen ihren Frauen, halten die Stoffe, die die Frauen bügeln, machen in der Küche den Abwasch und wirken jetzt doch nicht so, wie man sich vielleicht muslimische patriarchale  Ehemänner vorstellt.

Dann ist alles fertig genäht und alle sind traurig, dass der kurze Arbeitsausflug schon zuende ist. Wir merken: Es war absolut richtig, die Frauen mal aus dem ICC rauszuholen. Sie erzählen, der einzige Kontakt zu Deutschen sei der Kontakt zu ihrer Deutschlehrerin, aber auch der finde im ICC statt. Wir wollen sie wiedersehen.

 

Die Männer

Eine Stunde nachdem die Frauen gegangen sind, kommen die vier Männer, die Daniel für das projekt matrah ausgewählt hat. Alle setzen sich an den großen Werktisch. Wir machen eine Vorstellungsrunde: Es sind Zakaria, Mohamad und der Palästinenser Tareq, sie kommen alle aus Syrien. Hossein kommt aus Afghanistan. Hossein spricht kaum Deutsch, deswegen ist Nazir dabei, sein 16jähriger Sohn, der in Berlin aufs Gymnasium geht.

Das Zimmer ist voll und man grinst sich etwas schüchtern an. Mohamad trägt ein TShirt, auf dem „Hungry german youth“ steht. Wir klären ein paar organisatorische Fragen und räumen dann den Tisch frei. Daniel fängt an, die Vorbereitungen für den Bau einer Matratze zu erklären.

Die Männer lernen, das zu spiralförmigen Zöpfen gedrehte Rosshaar mittels der „Universalzupfmaschine El-Ba Standart“ aufzulösen. Sie arbeiten vorsichtig und gleichzeitig zügig. Jeder setzt sich vor die Maschine und probiert es aus: Man schiebt einen Zopf in die Maschine, hinten kommt die aufgelöste Haarwolle heraus.
Dann kommen alle zum großen Tisch zurück, denn Daniel legt ein großes Stück Stoff aus. Eine Art Wollflies wird daraufgelegt, dann wird das aufgelöste Pferdehaar darauf gepackt. Wichtig ist jetzt, dass das Haar gleichmäßig verteilt wird. Für die Nicht-Handwerker ist es spannend zu sehen, dass vieles sich über wortlose Kommunikation erklärt: zuschauen, nachmachen, mit den Händen korrigiert werden, noch einmal zusehen und noch einmal nachmachen. Dazu braucht man wenig Worte. Die Stimmung ist jetzt eine völlig andere als am Anfang: Der Raum bebt schier vor Energie. Das Ausbreiten des schwarzen Haares, das Zupfen und Zurechtstopfen ist ein Massenereignis, alle greifen zu, alle sind konzentriert, alle wollen es so gut wie möglich schaffen. Man hört nur das Klicken des Fotoapparates, denn in der Tat ist das ein wirksames Fotomotiv: der Tisch voller Haare und die Hände, die darin herumwühlen.

Dann ist auch dieser Abschnitt in der Geschichte der Matratzenherstellung geschafft und es geht ans Zusammennähen. Hier wird mit einem Hilfskonstrukt aus Strippen und Schraubzwingen gearbeitet und Daniel erklärt den Sattlerstich, mit dem genäht wird. Das muss er jedem einzeln erklären und deswegen gibt es eine kurze Zeit des Nichtstuns für die anderen, in der ich mit Zakaria ins Gespräch komme.

 

Zakaria

Zakaria ist 42, aus Aleppo und hatte dort mehrere Berufe. Er ist ab dem 10. Lebensjahr nachmittags nach der Schule in eine Fabrik zum Nähen gegangen. Seine Mutter hat 21 Kinder, der Vater ist früh gestorben und so mußten die Kinder früh helfen, Geld zu verdienen. Er hat Unterwäsche genäht, auch für Deutschland, für C&A.

Er war schon früh ein talentierter Schneider: Er erzählt, dass er als Kind nur einen Pullover hatte. Eines Nachts, als der Pullover in der Wäsche war, hat er sich einen zweiten Pullover genäht. Seine Mutter hat am nächsten Morgen nicht schlecht gestaunt.
Später hat er sich mit zwei Brüdern selbständig gemacht – auch mit einer Textilfirma für Unterwäsche für Männer, Frauen und Kinder. Weil bei drei Bossen mindestens einer zuviel ist, hat er angefangen, in einer Privatschule als Lehrer für Arabisch und Mathematik zu arbeiten, später auch noch als Redakteur einer Zeitung.
Er ist letztes Jahr nach Deutschland gekommen, hat im Deutschkurs schnell das B1 Level geschafft und mit seiner Frau und seinen 3 Kindern eine Wohnung in Spandau gefunden. Auf die Anmerkung, dass das ja ziemlich weit draußen sei, lacht er und sagt, er müsse bloß aus der Tür gehen und nach 100 Metern sei er in Brandenburg.

Kürzlich hat er über den Verein Flüchtlingspaten Syrien e.V. seine Stieftochter aus Aleppo nach Berlin holen können.
Was hofft er für die Zukunft? Er macht keine großen Pläne: Er weiß, dass er als Schneider in Deutschland kaum Arbeit finden wird, er macht jetzt das projekt matrah mit, weil er immer neugierig ist, etwas zu lernen, er will sein Deutsch verbessern und die Deutschen kennenlernen.

Wann und wie er aus Aleppo geflohen ist, frage ich ihn jetzt nicht, denn dafür bräuchte man mehr Ruhe. Zakaria ist jetzt mit Nähen dran und Hossain ist schon fertig, deswegen kann ich jetzt mit ihm sprechen.

 

Hossain

Wir kennen uns schon; wir haben zusammen zwei Wochen einen Deutschkurs gemacht, ich als lernender Trainer, er als lernender Flüchtling. Der Kurs, ein Projekt der Liechtenstein Languages wurde in Berlin vom Malteser Hilfsdienst und der Liechtensteiner Botschaft durchgeführt; es ist eine innovative Lernmethode jenseits von Klassenzimmer, Alphabet und deutschem Ernst. Es wird mit vielen Bildern, Spielen und Musik auf sehr fröhliche und effektive Weise ein Grundwortschatz beigebracht.
Hossein war mit seinem Sohn Nazir dort, der aber sowieso sehr sprachbegabt ist. Die Familie – es gibt neben der Mutter noch den sechsjährigen Mahdi – ist über den Iran nach Schweden gekommen, wo sie ein halbes Jahr gelebt hat. Nazir spricht neben Farsi, Englisch und Schwedisch jetzt nach 7 Monaten in Deutschland schon flüssig deutsch.

Anders der Vater – ihm fällt es sichtlich schwerer. Ich denke, es ist oft der Job der Kinder, ihren Eltern zu dolmetschen, was bestimmt nicht immer leicht ist, vor allem wenn es um Themen geht, die nichts für Kinder sind. Aber Hossein und Nazir wirken wie ein gut eingespieltes Team, sie behandeln sich gegenseitig sehr respektvoll. Hossein ist 44 und hat als Schuhmacher in einer Schuhfabrik gearbeitet, sowohl als junger Mann im Iran, dann aber auch in seiner Heimat in Afghanistan.

Die Familie hat in Ghazni gelebt, sie sind Hazara und wurden als solche drangsaliert und verfolgt. Weil das Leben für sie in Afghanistan zu unsicher wurde, haben sie sich auf die Flucht begeben und leben jetzt seit Monaten in einem kleinen Zimmer im ICC. Hossein möchte gern mit seinen Händen arbeiten – am liebsten als Industriearbeiter bei einer großen deutschen Firma. Nazir besucht noch für eine kurze Zeit die Integrationsklasse des Friedrich Ebert Gymnasiums, bald wird er in eine normale Klasse wechseln.